AQMI

jo on Mai 30th, 2012

erschienen bei taz

von Dominic Johnson

Staat ja, aber was für einer?

Tuareg-Rebellen und Islamisten beraten über eine gemeinsame Regierung für ihren neuen Staat „Azawad“ in Nordmali. Aber der Umgang mit al-Qaida spaltet die Geister.

BERLIN taz | Knapp zwei Monate nach der Unabhängigkeitserklärung der Tuareg-Rebellen im Norden Malis nimmt die Gründung eines Staates namens „Azawad“ Gestalt an. Aber wie der aussehen soll, ist umstritten: ein Ausdruck der Selbstbestimmung der Wüstenvölker – oder ein Schaufenster des grenzüberschreitenden Islamismus?

Am Samstag unterschrieben die Tuareg-Rebellenarmee MNLA (Nationalbewegung zur Befreiung von Awazad) und die islamistische Gruppe Ansar Dine ein gemeinsames „Protokoll“ zur Gründung eines „Übergangsrates des Islamischen Staates Azawad“.

Unterzeichner waren MNLA-Generalsekretär Bilal Ag Chérif, gewählter malischer Parlamentsabgeordneter für die nördliche Stadt Kidal, und Stammesführer Abass Ould Antilla für Ansar Dine. Das Protokoll verkündet die Selbstauflösung beider Organisationen und ihre Verschmelzung in einem 40-köpfigen Übergangsrat als Vorläufer einer Regierung.

Das hätte eine historische Versöhnung sein sollen. Die MNLA besteht aus Rebellen des Tuareg-Nomadenvolkes. Ansar Dine ist eine rivalisierende Gruppe unter Führung des früheren Tuareg-Rebellenführers Iyad Ag Ghali, die aus Südalgerien heraus agiert.

Sie soll der radikalen „al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQMI), geführt von Algeriern und zuletzt auch in Niger und Mauretanien aktiv, nahestehen. All diese Gruppen profitierten davon, dass seit dem Sturz der Gaddafi-Diktatur große libysche Waffenbestände umhergeistern.

Die Rebellen eroberten ganz Nord-Mali, nachdem in Malis Hauptstadt Bamako in der Nacht zum 22. März unzufriedene Soldaten putschten, und riefen am 6. April „Azawad“ aus.

Die MNLA brauchte Ansar Dine, weil in Nordmali auch andere Volksgruppen als die Tuareg leben; Ansar Dine brauchte die MNLA, um nicht als Anhängsel al-Qaidas gesehen zu werden.

Aber Ansar Dine huldigt einer strikten Auslegung der Scharia, möglichst in ganz Mali; sie hat die algerischen Al-Qaida-Führer nach Mali eingeladen und Sittenpolizei auf die Straßen von Gao und Timbuktu geschickt. Die laizistische MNLA hingegen verfolgt einfach den alten Tuareg-Traum von Selbstbestimmung.

Die gemeinsame Erklärung vom Samstag hat diese Differenzen nicht beseitigt. So hat sich die Ratifizierung einer abschließenden Erklärung verschoben: Die MNLA sperrt sich gegen die Scharia als alleiniges Recht und gegen ein Betätigungsverbot für nichtmuslimische Hilfsorganisationen.

Sie will auch nichts mit den Al-Qaida-Kämpfern von AQMI zu tun haben. Ansar Dine wiederum „hat uns gesagt, dass es nicht in Frage kommt, AQMI den Krieg zu erklären; das ist das Problem“, sagte MNLA-Mitglied Ibrahim Assaley, Bürgermeister der Kleinstadt Talataye.

Aus Sicht der Tuareg-Rebellen spielen die Islamisten ein doppeltes Spiel. Während MNLA und Ansar Dine in Gao über ihre Fusion verhandelten, traf Ansar Dines Führer Iyad Ag Ghali in Timbuktu die Führer von AQMI und einer weiteren bewaffneten islamistischen Gruppe namens Mujao (Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika).

AQMI-Chef Abdelmalek Droukdel, Algerier, soll seine Kämpfer aufgerufen haben, sich Iyad Ag Ghali unterzuordnen. Damit wäre AQMI offiziell Teil eines neuen islamischen Azawad-Staates.

Die algerische Zeitung L’Expression äußerte gestern die Befürchtung, nun könnten im Norden Malis tunesische, libysche und marokkanische Rekruten ausgebildet werden. Für Beunruhigung sorgt in diesem Zusammenhang die Meldung, dass die Islamisten vergangene Woche in Gao ein gigantisches unterirdisches Waffenarsenal entdeckt haben, das Malis Regierungstruppen bei ihrer Flucht vor zwei Monaten zurückließen.

„Bisher waren sie leichte Waffen gewohnt und seit kurzem Luftabwehrraketen aus Libyen; jetzt haben die bewaffneten Gruppen in der Region schwere Waffen und sogar Panzer“, analysiert der Fachdienst Sahel Intelligence. „Dies ermöglicht ihnen einen qualitativen Sprung.“

Quelle: taz

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jo on April 26th, 2012

von Kay Hanisch

Es deutet sich an, daß die Rebellion in Mali (Afrika), wo Rebellen vom Volk der Tuareg im Norden einen eigenen Staat namens Azawad ausgerufen haben, ein neues Ziel einer westlichen Militärintervention wird – mit den Truppen der afrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS als Hilfstruppe.

Gezielt wird in unseren Medien immer wieder behauptet, daß islamische Fundamentalisten die Macht in Nordmali übernommen hätten. Man spricht von Gruppen “Al Qaida im islamischen Maghreb” (AQMI) oder “Ansar Dine”.

Doch wie nun ein Kurzbericht von Gunter Wippel von der Organisation “Menschenrechte 3000 e.V.” zeigt, stimmt dies nicht. Die Mehrheit der Tuareg will die Islamisten nicht und vertreibt diese. Menschenrechte 3.000 e.V. unterhält Projekte in Nordmali, die Infos kommen also aus erster Hand.

Auch haben die Tuaregs, welche z.T. im Libyen-Krieg auf Seiten der gestürzten Regierung kämpften, Volkskomitees nach libyschen Vorbild eingerichtet, um das tägliche Leben zu organisieren. So etwas paßt den NATO-Terroristen selbstverständlich nicht.

Siehe Anhang.

Viele Grüße,

Kay Hanisch

AB HIER ANHANG

 

BERICHT VON GUNTER WIPPEL

 

Wir haben seit inzwischen über 10 Jahren gute Freundschaft mit Tuaregfamilien sowie einer NGO aus Mali, die uns auch in der Vorbereitung der Konferenz Infos aus 1.Hand über die Sicherheitslage in Bamako etc. gegeben haben. Wir hatten nun Gelegenheit, wieder aus 1. Hand, aktuell zu erfahren, wie die Situation im neuen ausgerufenen Staat Azawad ist; vieles, was in den Medien / Internet hier ‘herumgeistert’, ist nicht unbedingt zutreffend:

1./ Die MNLA hat “Azawad” als neuen Staat ausgerufen.
Nach Tagen von Durcheinander (die wir auch nicht beschönigen wollen), sieht es momentan so aus:
In der Region organisieren sich die Menschen – das, was immer “Zivilgesellschaft” genannt wird, in diversen Komitees, um das zivile Leben in Azawad zu regeln.
Es gibt entsprechende Komitees unter denjenigen, die nach Niger, Burkina, Mauretanien und Algerien geflüchtet sind. Wenn alles gutgeht, können und sollen diese Komitees in permanente Organisationsstrukturen überführt werden, um das Leben in Azawad zu organisieren.

2./ Nach ernstzunehmenden Berichten sind die Leute vor Ort dabei, die islamistischen Gruppierungen hinauszukomplimentieren / rauszuschmeissen  bzw. in Schranken zu weisen; das hier stellenweise heraufbeschworene Gespenst eines islamistischen Staates mit Scharia etc. ist NICHT gewünscht und wird aktiv von den Menschen vor Ort abgelehnt und ‘bekämpft'; es sieht wohl so aus, daß es dafür unter den Leuten vor Ort absolut keine Akzeptanz gibt, und sie sich auch erfolgreich in dieser Richtung durchsetzen.

3./ Das von einigen Hilfs-/Menschenrechtsorganisationen zunächst befürchtete “Chaos”, “Desaster” im Norden etc., ist NICHT eingetreten. DREI Hilfsorganisationen – das Rote Kreuz, MSF Medecins sans Frontieres und MdM Medecins du Monde, sind wieder in den Norden zurückgekehrt und dort aktiv.

Frau des Peul-Stammes in Mali - Bilder: Wikipedia

4./ Wesentlich auch: Es geht nicht um einen “Tuareg-Staat” – es geht um den NORDEN – mit ALL seinen Einwohnern – Songhai, Peul, Araber etc.. Die hier in den Medien häufig verwandte Bezeichnung “Tuareg-Staat” beinhaltet auch die Gefahr, daß hier ein rassisch / rassistischer  Aspekt aufgebaut / aufgebauscht wird, der vor Ort NICHT sooo nicht existiert.
Es geht NICHT um Tuareg gegen Songhai, gegen Peul oder gegen Araber … es geht vielmehr um die Menschen aus dem Norden (es wurde öfters der Begriff “nordistes” verwendet), die die Organisation ihres Lebens in die eigenen Hände nehmen wollen.

5./ Größte Gefahr ist wohl derzeit die einer militärischen Intervention seitens Mali’s/der malische Armee, verstärkt durch Truppen der CEDEAO-Staaten; die Malische Armee ist nicht sehr groß und nicht sehr stark. Es scheint so, dass hier NIGER die führende Rolle spielt und für eine militärische Intervention “pusht” – insofern logisch, da natürlich Niger am meisten zu verlieren hätte, falls der Gedanke eines unabhängigen Nord-Staates in Niger Fuß faßt und Nachahmer findet.

6./ “Berichte aus 1.Hand”

Es gibt diverse Websites: natürlich die von MNLA  http://www.mnlamov.net/

dann “Toumastpress” http://toumastpress.com mit sehr vielen Infos

die altbekannte “Temoust”-site, wie immer etwas konservativer http://temoust.org

Ziemlich gut – die Meetings der Zivilgesellschaft sind teilweise direkt auf youtube:


(Gao Meeting 1, 2, 3 etc.)

7./ Egal, wie man der Idee eines neuen Staates gegenübersteht – die Lösung kann KEINESFALLS eine “militärische Intervention” sein, die zum großen Teil die Zivilbevölkerung treffen würde und schnell in ein Blutbad ausarten kann. D.h., wir setzen uns dafür ein, dass es KEINE militärische Intervention gibt, und unterstützen den Aufbau einer zivilen Organisation in Azawad.

Wir wollen deshalb auch über die POSITIVEN Entwicklungen im Bereich der ZIVILgesellschaft berichten.

Gunter Wippel, Menschenrechte 3000

- ANHANG ENDE -

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